Zusammenarbeit im Spannungsfeld: Ein erster gemeinsamer Schritt unter Druck

Einblicke aus einem Teamworkshop im Rahmen systemischer Organisationsberatung

Nach dem ersten Auftragsklärungsgespräch dachte ich mir: Na bumm.

Ein Team, verteilt über mehrere Standorte. Rollen und Erwartungen nur teilweise geklärt. Vor Kurzem eine Reorganisation, weil die Aufgabe plötzlich wieder strategisch relevant geworden war. Dazu hoher Druck, ständig wechselnde Prioritäten und ein Alltag, der wenig Raum für Innehalten lässt. Ein Szenario, das vielen Organisationen im Wandel vertraut ist.

Was mich in den Interviews vor dem Workshop jedoch besonders aufmerksam gemacht hat, war etwas anderes. Immer wieder habe ich gehört: „Alle geben ihr Bestes.“
Niemand zieht sich zurück. Niemand verweigert sich. Im Gegenteil: viel Engagement, hoher Einsatz, große Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Und genau an dieser Stelle wird meine systemische Spürnase hellhörig.

Denn wenn Menschen unter hohem Druck engagiert arbeiten und es trotzdem nicht gut zusammenkommt, dann liegt die Herausforderung selten bei den Einzelnen. Sie liegt fast immer im Zusammenspiel: in unklaren Rollen, diffusen Schnittstellen, konkurrierenden Prioritäten und einer Zusammenarbeit, die mehr trägt, als sie eigentlich sollte.

Vorbereitung als zentraler Teil systemischer Organisationsberatung

Bevor wir überhaupt mit dem Team gearbeitet haben, gab es intensiven Vorbereitungen mit dem Auftraggeber. Klären, sortieren, reduzieren. Bewusst langsamer werden, bevor es mit dem Team wieder schneller wird.

Diese Phase ist für mich kein „Vorlauf“, sondern ein zentraler Teil systemischer Organisationsberatung. Denn ohne eine gewisse Grundorientierung besteht die Gefahr, dass Workshops zu gut gemeinten, aber wirkungslosen Interventionen werden.

Die Frage war nicht: Was sollen wir im Workshop alles bearbeiten?
Sondern: Was ist im Moment überhaupt tragfähig?

Gleichzeitig habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ein Tag gestaltet sein muss, damit 16 Personen einen tragfähigen ersten gemeinsamen Schritt machen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Keine Überforderung, kein „Jetzt lösen wir alles“, sondern ein klarer Startpunkt, der Orientierung gibt und Handlungsfähigkeit stärkt.

Der Workshop: Zusammenarbeit sichtbar machen

Der Workshop selbst war intensiv und konzentriert. Es gab Mini-Snickers, denn die Gruppenarbeit hatte es in sich. Mandarinen auch. Gesund, unkompliziert und überraschend beliebt.

Wir haben gemeinsam gedacht, gearbeitet, gelacht. Gedanklich sind wir von Kroatien Richtung Bahamas gesegelt. Eine Metapher, die mehr Klarheit gebracht hat, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Bilder helfen manchmal dort, wo Worte allein nicht reichen.

Ich habe gelernt, was Hexadezimalzahlen sind (und fühle mich damit weiterhin sehr jung). Vor allem aber habe ich einen tiefen Einblick ins Business bekommen - in Zusammenhänge, Abhängigkeiten, Spannungsfelder. Genau das liebe ich an meiner Arbeit als Organisationsberaterin: diesen Moment, in dem das System sichtbar wird.

Es ging nicht darum, Probleme zu sammeln oder Schuldfragen zu klären. Es ging darum, Zusammenarbeit sichtbar zu machen:
Wo arbeiten wir eigentlich wirklich zusammen?
Wo laufen Dinge parallel, ohne sich zu berühren?
Wo tragen Einzelne Verantwortung, die eigentlich ins System gehört?

Meine Rolle als Organisationsberaterin im Prozess

In solchen Prozessen sehe ich meine Rolle klar: Ich schaffe Orientierung, mache Dynamiken sichtbar und ermögliche Teams, wieder handlungsfähiger zu werden. Gerade dann, wenn vieles gleichzeitig in Bewegung ist.

Ich löse keine strukturellen Spannungen. Das kann und soll ein Workshop nicht leisten. Aber ein Workshop kann etwas anderes sehr Wertvolles tun: einen klaren Startpunkt setzen. Einen Moment, in dem Dinge benannt werden dürfen. In dem sich Perspektiven sortieren. In dem gemeinsame Bilder entstehen, an die später wieder angeknüpft werden kann.

Systemische Arbeit heißt für mich auch, die Erwartungen an Interventionen realistisch zu halten. Nicht alles muss sofort gelöst werden. Manchmal reicht es, den nächsten Schritt gemeinsam zu sehen und ihn bewusst zu gehen.

Wenn Orientierung wieder möglich wird

Was an diesem Tag spürbar wurde, war keine Euphorie im Sinne von „Jetzt ist alles gut“. Es war etwas anderes, ruhigeres: Orientierung. Ein gemeinsames Verständnis davon, wo man steht und was als Nächstes sinnvoll ist.

Und das ist oft der entscheidende Unterschied. Denn Orientierung entlastet. Sie nimmt Druck aus dem System, ohne ihn zu leugnen. Sie schafft einen Rahmen, in dem Zusammenarbeit wieder bewusster gestaltet werden kann.

Gerade in Organisationen im Wandel wird häufig versucht, Komplexität mit Geschwindigkeit zu beantworten. Noch ein Projekt, noch eine Maßnahme, noch ein Workshop. Was dabei leicht verloren geht, ist der Raum für Klärung.

Ein erster Schritt und hoffentlich viele weitere

Ich wünsche diesem Team sehr, dass diesem ersten Schritt ein zweiter folgt. Und dann ein dritter. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als bewusste Weiterentwicklung ihrer Zusammenarbeit.

Veränderung passiert selten in großen Sprüngen. Meist entsteht sie aus einer Reihe gut gesetzter Schritte, die aufeinander aufbauen. Ein Workshop kann dafür ein Anfang sein, wenn er eingebettet ist, gut vorbereitet und realistisch in seinem Anspruch.

Für mich war dieser Tag einmal mehr eine Bestätigung dessen, was ich in vielen Organisationen erlebe: Menschen wollen wirksam sein. Sie wollen gut zusammenarbeiten. Wenn es nicht gelingt, liegt das selten am fehlenden Willen, sondern an fehlender Orientierung im System.

Und genau dort beginnt meine Arbeit.

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Ein Führungsteam, das sich findet: Zwei Tage Teamarbeit und Zusammenarbeit mit Klarheit und Leichtigkeit